Interview | Prof. Dr. Ester

Prof. Dr. Birgit Ester
Institutsleitung des itb - Institut für Betriebführung im DHI e. V.

 

Von Führungspersönlichkeiten und der Zukunft der Arbeit – 100 Jahre Handwerksforschung in Karlsruhe

Das itb ist eine von 5 Forschungsstellen, die zusammen das Deutsche Handwerksinstitut e.V. (DHI) mit Sitz in Berlin bilden. Diese Forschungsstellen bearbeiten unterschiedliche Aufgabenschwerpunkte mit dem Ziel, das Handwerk in seiner Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit zu unterstützen - sei es durch wissenschaftlich fundierte, anwendungsbezogene Forschung oder sei es durch praktische Maßnahmen der Gewerbeförderung. Das itb wurde unter dem Namen „Forschungsinstitut für rationelle Betriebsführung im Handwerk“ im Jahr 1919 in Karlsruhe gegründet.

Im folgenden Interview berichtet die Institutsleiterin des itb, Frau Prof. Dr. Birgit Ester anlässlich des 100 Jährigen Jubiläums über Tradition und Zukunft der Handwerksforschung.

Frau Prof. Dr. Ester, das itb feiert im Jahr 2019 seinen 100. Geburtstag, gibt es Personen, die die Geschichte des Instituts im Besonderen prägten?

Wir stehen heute noch in der Tradition des Gründers Walter Bucerius, die Handwerksunternehmer/innen bei der Betriebsführung zu unterstützen. Die Gründung des itb, damals noch unter dem Namen „Forschungsinstitut für rationelle Betriebsführung im Handwerk“, fand vor dem Hintergrund der sich nach dem Ersten Weltkrieg schnell verbreitenden Mechanisierung und Revolutionierung der Produktionsweisen statt. Walter Bucerius, der die Bedarfe des Handwerks kannte, wollte wissenschaftliche Ergebnisse für das Handwerk nutzbar machen.

In den 1970er Jahren lagen die Schwerpunktthemen unseres Instituts v. a. im technischen Bereich, z. B. in der Fabrik- und Logistikplanung. Diese Zeit wurde auch durch den damaligen Institutsleiter Prof. Dr.-Ing. Günter Rühl und seinem Lehrstuhl Fertigungswirtschaft und Arbeitswissenschaft an der (damals noch) TU Karlsruhe geprägt.

Mit Übernahme der Institutsleitung durch Herrn Dr. Hantsch (1993) wurde das Thema Betriebswirtschaft immer präsenter. Damit einhergehend wurden am Institut in dieser Zeit die Themen Prozessoptimierung, Geschäftsmodellentwicklung wie auch Arbeits- und Gesundheitsschutz bearbeitet. Parallel dazu wurde zum Thema Dienstleistungsentwicklung im Handwerk geforscht.

 

Mit welchen Arbeitsschwerpunkten beschäftigt sich das itb derzeit?

Aktuell beschäftigt sich das itb - neben klassischen betriebswirtschaftlichen Themen - mit Fragen rund um die Fachkräftesicherung, den Arbeitsschutz und die Gesundheitsförderung, die Energiewende und den technologischen Wandel sowie der Diensleistungsgestaltung.

Zum technologischen Wandel erforschen wir beispielsweise, wie Betriebe die neuen Technologien optimal einsetzen und in ihre Arbeitsprozesse integrieren können, z. B. zur Erleichterung bei administrativen Aufgaben oder bei der Baustellenkommunikation. Hier entwickeln wir Instrumente für die Praxis, wie Leitfäden oder konkrete Anwendungsfälle, die Betriebe sowie Beraterinnen und Berater des Handwerks unmittelbar unterstützen sollen.

Außerdem werden aktuell mit dem „Kompetenzzentrum Smart Services“ zentrale Anlaufstellen für Handwerksbetriebe und weitere kleine und mittlere Unternehmen zu Smart Services in Baden-Württemberg geschaffen. So soll Unternehmensvertretern die Möglichkeit gegeben werden, sich über neue digitale Technologien im Dienstleistungsbereich zu informieren. Hier sollen vielfältige Maßnahmen angeboten werden, Denk- und Ideenprozesse in Unternehmen anzustoßen und die Entwicklung innovativer Dienstleistungen zu begleiten.

Im Weiterbildungsbereich unseres Instituts qualifizieren wir im Rahmen der bundesweit einheitlichen Aufstiegsfortbildung zum „Geprüften Betriebswirt (nach der Handwerksordnung)“ Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte aus Handwerksbetrieben zu einer großen Spannbreite an Themen der Unternehmensführung, wie Personalmanagement, Strategieentwicklung und Innovationsmanagement. Die Fortbildung wird von fast allen Handwerkskammern und vielen weiteren Organisationen aus dem Handwerk als Seminarreihe angeboten. Wir arbeiten kontinuierlich an der Aktualisierung der Lerninhalte und den Lehrmethoden.

Damit stellen wir uns auf die Bedürfnisse des Handwerks ein und unterstützen passgenau an den Stellen, wo Forschung & Entwicklung für den Bereich Betriebsführung im Handwerk benötigt wird.

 

Wie werden die Betriebsberater der Handwerksorganisation vom itb unterstützt?

Es gehört zu den Grundaufgaben des itb, Weiterbildungsangebote für die Betriebsberater der Handwerksorganisation zu entwickeln und durchzuführen, um durch diesen ständigen Input den hohen Qualitätsstand der Betriebsberatung im Handwerk zu sichern. Damit vermitteln wir den Beratern den notwendigen Wissensvorsprung, um die Anforderungen seitens der Betriebe auch bei komplexer werdenden Problemstellungen zu erfüllen.

Hier stehen neben den zurzeit standardmäßig durchgeführten Seminaren zu grundlegenden betriebswirtschaftlichen Themenstellungen und der Bereich der Bewertung von Maschinen und Immobilien, speziell aufbereitet für die technischen Berater im Zentrum. Die Themen, die das itb in Form der Seminare zur Beraterweiterbildung ausrichtet, sind einerseits an den Wünschen der Berater orientiert, ergeben sich aber auch aus aktuellen Ergebnissen der itb-Forschung. Mit jedem Forschungsfortschritt erfolgt somit die unmittelbare Verbreitung aktuellen Wissens, wie z. B. derzeit zur IT-Sicherheit, in die Organisation des Handwerks.

 

Wie entstehen die Arbeitsschwerpunkte des itb?

Wir gestalten unsere Forschungsthemen nach den aktuellen Problemlagen und Herausforderungen im Handwerk. Dazu stehen wir mit Unternehmerinnen und Unternehmern des Handwerks und deren Beschäftigten sowie den Handwerksorganisationen in ständigem Austausch und arbeiten in jedem Projekt mit Vertretern aus der Handwerkspraxis zusammen.

Auch erreichen uns konkrete Vorschläge von Handwerksorganisationen über Themen, die sie gerne wissenschaftlich bearbeitet hätten. Außerdem erhalten wir einen guten Überblick zu aktuellen Bedarfen im Rahmen von Befragungen von Unternehmerinnen und Unternehmern und der Beraterinnen und Berater der Handwerksorganisationen, die wir regelmäßig im Rahmen unserer Forschungsarbeit durchführen. So erhalten wir Ideen für zukünftige Themen.

Im Forschungs- und Arbeitsprogramm des Deutschen Handwerksinstituts werden dann alle Themen gesammelt und in Abstimmung mit dem Bewertungsgremium und unseren Schwesterinstituten des Deutschen Handwerksinstituts abgestimmt.

Die Arbeitsschwerpunkte ergänzen sich dabei durch die unterschiedlichen inhaltlichen Ausrichtungen der Institute. Dabei findet eine enge Zusammenarbeit zwischen den Schwesterinstituten statt: Z. B. zum Thema „Soloselbstständige im Handwerk“. Hier untersucht das ifh (Volkswirtschaftliches Institut für Volkswirtschaft und Handwerk an der Universität Göttingen e.V.) die Strukturen der Ein-Personen-Unternehmen auf Grundlage des Mikrozensus, während unser Institut die Erwerbsverläufe Soloselbstständiger auf Grundlage qualitativer Interviews untersucht. Unsere Forschungsergebnisse und daraus abgeleitete Empfehlungen für das Handwerk entstehen somit in Abstimmung.

 

Welche Themen sind für das itb in Zukunft von Bedeutung?

Vor allem das Thema Fachkräftesicherung wird uns intensiv beschäftigen, denn erst in ca. 10 Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichen und bei parallel gleicher Geburtenrate und Zuwanderung wird die Erwerbsbevölkerung in dieser Zeit drastisch sinken. Dies wird den Betrieben, die den Fachkräftemangel bereits jetzt vielerorts schmerzhaft spüren, eine weitere Verschärfung dessen bescheren. Da heißt es, langfristige und umfassende Maßnahmen einzuleiten, um vorhandene Mitarbeiter gesund und zufrieden zu halten – denn der Arbeitsmarkt wird auch zukünftig Unzufriedene und Wechselwillige schnell versorgen. Problematisch wird es, wenn die Betriebe nicht nur Aufträge ablehnen müssen, sondern auch wichtige Innovationen, wie digitale Technologien nur verlangsamt einsetzen können, was zu einem Rückstand im Handwerk, und dadurch wiederum sinkender Attraktivität für Nachwuchs führen kann. Daher ist dies ein umfassendes Thema und wir arbeiten auch künftig weiter an Empfehlungen für die Politik und Instrumenten für Betriebe.

Parallel ist die Nutzung digitaler Technologien im Handwerk ein herausragendes Thema. Intelligente Technologien und Vernetzungsmöglichkeiten werden Prozesse automatisieren, Produkte herstellen und Geschäftsmodelle begründen. Auch hier wird das itb unterstützen und für Betriebe gangbare Vorgehensweisen und Erfolgsmodelle erarbeiten.

Weiterhin werden die Themen Netzwerke und Kooperationen, auch im Rahmen horizontaler Wertschöpfung, v. a. auf Grundlage von digitalen Technologien an Relevanz gewinnen, z. B. durch Wertschöpfungsketten, die durch cyber-physische Systeme gesteuert sind. Dabei werden auch Zulieferer und Kunden in die Wertschöpfungsbeziehungen integriert, was neue Herausforderungen an Führungskräfte und Beschäftigte bedeutet, z. B. auch an die bedarfsorientierte und zeit-/ortunabhängige Fortbildung.

 

Sie leiten seit 2006 das Institut für Betriebsführung im Handwerk. Wie fällt das Zwischenfazit Ihrer Arbeit aus?

Seit 2006 haben sich die Themen der Betriebsführung und die Forschungsfragen für das Handwerk natürlich stark gewandelt. Das itb hat sich sowohl im Hinblick auf seine inhaltlichen Kompetenzen als auch in den Forschungs- und Transfermethoden deutlich erweitert. Die große Brandbreite der von uns bearbeiteten Projekte repräsentiert die vielfältigen Fragen der Betriebsführung im Handwerk.

Im Verbund mit den anderen DHI-Instituten sowie externen Forschungspartnern und Betrieben bearbeiten wir aktuelle Fragestellungen für das Handwerk und entwickeln jeweils konkrete Vorgehensmodelle für deren Umsetzung in den Betrieben. Unsere Qualifizierungsangebote für die Berater im Handwerk sind thematisch breit aufgestellt und inhaltlich immer nah an den aktuellen Themen der Betriebsführung. Daneben haben wir maßgeblich an der Gestaltung der Neukonzeption des „Geprüften Betriebswirts (nach HWO)“ mitgewirkt. Wir haben den Bereich der Drittmittelforschung stark ausgebaut und unsere themenbezogene Vernetzung mit anderen Forschungseinrichtungen vorangetrieben. All das kann nur geleistet werden mit qualifizierten, engagierten und eigenverantwortlich handelnden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie sind ein wesentliches Merkmal und ein entscheidender Erfolgsfaktor unseres Institutes

Das itb kann heute mit seiner breit aufgestellten Kompetenz und seiner Vernetzung in der Forschungslandschaft zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen im Handwerk passgenaue Methoden und Instrumente für die erfolgreiche, zukunftsfähige Betriebsführung im Handwerk liefern. Damit schlägt sich dann auch der Bogen zu unserer Gründungsidee des Jahres 1919, die Produktivität im Handwerk zu steigern.